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Dossier zum Thema Flucht

Es schneit, als Sanyu, 18, in der Schweiz zu seinen individuellen Asylgründen befragt wird, damit über sein Gesuch und somit über sein weiteres Leben entschieden werden kann. Sanyu erzählt, wie er als Waise in Uganda keine Perspektive mehr hatte und sich gezwungen sah, gemeinsam mit seinem älteren Bruder seine Heimat zu verlassen.

In der Schweiz angekommen, betrifft seine grösste Sorge seinen Bruder, den er in Libyen verloren hatte und von dem er seither nichts mehr gehört hat. Das letzte Stück der Reise, die gefährliche Überfahrt über das Mittelmeer, bei welcher es zu einem Kampf kam und Leute über Bord geworfen wurden, bestritt Sanyu ohne die schützende Hand seines Bruders.

Wohin fliehen die Menschen?

Noch nie waren weltweit so viele Menschen auf der Flucht wie heute, 65 Millionen sind es laut dem UNO-Flüchtlingshilfswerk. Auch in der Schweiz hat das Thema in den Medien und im politischen Diskurs einen wichtigen Stellenwert, wobei sich die Diskussionen meist um Schwierigkeiten und Herausforderungen für die Gesellschaft hierzulande drehen. Dabei werden Fragen und Ängste rund um die kulturellen Veränderungen und die Integration der Neuankömmlinge in den Fokus gestellt. Es geht oft vergessen, dass nur ein verschwindend kleiner Teil der Flüchtlinge, wie Sanyu, überhaupt nach Europa gelangt. Die meisten Flüchtlinge, nämlich 40 Millionen, leben gemäss UNHCR als intern Vertriebene im eigenen Land. Insgesamt 84% der Flüchtlinge halten sich wie Sanyus Bruder – sofern er noch am Leben ist – in einem Entwicklungsland auf. Diese Zahlen verdeutlichen, dass die «Flüchtlingskrise» vor allem eine Krise des globalen Südens ist.

Die Rolle der Entwicklungszusammenarbeit (EZA)

Aus der Politik werden immer wieder Stimmen laut, wonach die EZA einen Beitrag zur Bekämpfung von Fluchtursachen leisten soll, um die Flüchtlingsströme nach Europa einzudämmen. Gleichzeitig wird in der internationalen Gemeinschaft aber auch vermehrt eine moralische Verpflichtung diskutiert, die sich aus der Mitschuld der westlichen Politik und Wirtschaft an der globalen Schere zwischen Reich und Arm ableiten lässt. So werden die Ausbeutung von Rohstoffen und Arbeitskräften durch hiesige Firmen in Entwicklungsländern, Waffenlieferungen in Krisengebiete, eine unfaire Handelspolitik und der globale Klimawandel zunehmend als Probleme wahrgenommen, für die der Westen eine grosse Mitverantwortung trägt. In diesem Spannungsfeld zwischen Politik und Gesellschaft stellt sich nun die Frage, inwiefern die EZA Menschen in Entwicklungsländern zu einer besseren Lebensgrundlage verhelfen und damit auch den Ursachen von Flucht entgegenwirken kann. Ihre Einflussmöglichkeiten sind vielfältig und setzen bei unterschiedlichen Aspekten an. . So leisten humanitäre Einsätze bei Naturkatastrophen und Hungersnöten Hilfe und lindern Leid. Durch die wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit, namentlich auch im Rahmen von Entwicklungsprojekten, können schliesslich mittel- und langfristig Lebensbedingungen verbessert und damit Perspektiven für die Zukunft geschaffen werden. Die Prävention von zukünftigen bewaffneten Konflikten durch Friedensförderung dürfte jedoch die wichtigste Massnahme bei der Bekämpfung von Fluchtursachen sein, da die Mehrheit der Flüchtlinge ihre Heimat aus diesem Grund verlässt.

Eigenverantwortung erkennen

Angesichts der komplexen Herausforderungen der globalisierten Welt darf von der EZA allerdings nicht erwartet werden, die Lösung für alle durch Politik, Wirtschaft und Gesellschaft mitverursachten Probleme zu sein. Vielmehr gilt es, unsere Eigenverantwortung sowie die vorhandenen Einflussmöglichkeiten zu erkennen und zu nutzen. So können wir als Individuen sowohl mit einem bewussten Konsumverhalten – etwa durch Bevorzugung sozial verantwortlicher Unternehmen – als auch mittels finanzieller Unterstützung nachhaltiger Entwicklungsprojekte den herrschenden Ungerechtigkeiten entgegenwirken.

Auch bei Sanyu, der heute in Uganda eine Ausbildung als Schreiner absolviert, kommt nun wieder die EZA ins Spiel. Das auf der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 basierende Schweizer Asylgesetz will Personen Schutz bieten, die aufgrund ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen persönlich an Leib und Leben bedroht sind. Da wirtschaftliche Gründe nicht in diese Kategorie fallen, wurde Sanyus Asylgesuch abgelehnt. Allerdings erhielt er von der Schweiz eine finanzielle Unterstützung und das Angebot, bei der Reintegration in seinem Heimatland von einer lokalen Organisation betreut zu werden, womit er seine Zukunftsperspektiven in Uganda verbessern kann. Die Autorin arbeitet seit mehreren Jahren in den Bereichen EZA und Migration

TearFund-Projekte zum Thema

Südsudan und Norduganda

Ayenyo floh mit ihren Kindern von der Gewalt im Südsudan nach Norduganda. Was sie unterwegs erlebten, lässt sie nicht mehr los: «Meine Kinder haben sterbende Menschen gesehen. Ich musste mit ihnen an diesen Menschen vorübergehen, damit wir uns selber retten konnten. Meinen Mann habe ich aus den Augen verloren, ich weiss nicht, ob er noch lebt.»

Lesen Sie, wie TearFund im Südsudan und Norduganda hilft.

Rohingya fliehen nach Bangladesch

«Vor drei Wochen hatte ich einen Ehemann und vier Kinder. Heute habe ich noch zwei Kinder.» Der Mutter aus Myanmar gelang die Flucht mit zwei Kindern. Ihren verletzten Mann musste sie zurücklassen, zwei ihrer Kinder verschwanden plötzlich inmitten der Wirren.

Lesen Sie, wie TearFund die geflohenen Menschen unterstützt.

 

 

Kriegsgebiet Mosul

«Ich heisse Ade und komme aus Sinjar. Als uns der IS überfiel, floh ich. Seitdem lebe ich ohne meinen Mann in einem Auffanglager, 3 Stunden von zu Hause entfernt. Lange Zeit verbrachte ich jeden Tag damit, Wasser von einem weit entfernten Brunnen zu holen. Rund 5 Stunden täglich lief ich hin und her. Seit wir von TearFund einen Wassertank bekamen, ist unser Leben so viel einfacher geworden.»

Lesen Sie mehr zu den Projekten im Irak.