Entrechtet und vogelfrei: Eine Gruppe Schulkinder strahlt in die Kamera.
Uganda: Entrechtet und vogelfrei

Nein zu Kinderarbeit

In Busia in Uganda gibt es eine sehr grosse Zahl von Kindern, die zur Arbeit oder Prostitution verdingt oder ins Ausland verkauft werden. Dank dem Schutz der Kinder und der Stärkung ihrer Rechte zusammen mit unserer Partnerorganisation CaRNaC  ändert sich dies. Wir haben Mirjam Nufer zur Ausrichtung des Projekts und nach messbaren Erfolgen befragt. Mirjam war bis 2018 TearFunds Projektverantwortliche für Uganda und besuchte die Projektstandorte zuletzt im selben Jahr.

Mirjam, wie kommt es dazu, dass Eltern ihre Kinder Schwerstarbeit verrichten lassen oder sie gar verkaufen?

Oft handelt es sich hier um Familien aus armen Verhältnissen. Es fehlt an allen Ecken und Enden. Das geringe Einkommen und der Ertrag des Familiengartens reichen nicht aus, um alle zu ernähren. Für den Schulbesuch langt da das Geld erst recht nicht. Da liegt es nahe, dass ein Kind arbeiten geht und das Haushaltseinkommen aufbessert.

Auf welche Kinder zielt das Projekt?

Die Verantwortlichen unserer Partnerorganisation wurden durch eine nationale Fernsehreportage auf die Kinder in den Goldminen in Busia aufmerksam. Dagegen wollten sie etwas unternehmen.

Das TearFund-Projekt richtet sich direkt an die Kinder, die in einer der vielen Goldminen für einen Hungerlohn schuften müssen. Sie arbeiten bis zu 16 Stunden täglich, sieben Tage die Woche. Die Arbeit ist sehr anstrengend, staubig und gefährlich.

Es reicht aber nicht aus, die Kinder einfach aus den Goldminen zu holen. Man muss mit den Kindern, ihren Eltern, den Schulen und Kirchen, sowie den Behörden daran arbeiten, ein kindergerechtes Umfeld zu schaffen.

Jedes Kind hat das Recht auf Schuldbildung, auf Schutz vor Misshandlungen, auf Gesundheitsvorsorge und einen angemessenen Lebensstandard. Kinderarbeit in Goldminen verletzt diese Rechte. Es braucht viel Sensibilisierungsarbeit, damit das betroffene Umfeld dies erkennt und sich für die Rechte der Kinder einsetzt.

Man kann die Kinder nicht einfach am Arbeitsort abholen und in eine Schule fahren. Wie geht ihr vor, um die Kinder zu retten?

Ganz am Anfang diskutieren wir mit Vertretern der Behörden und Dörfern, sensibilisieren sie und eruieren, welche Familien am meisten von diesem Projekt profitieren werden. In einem ersten Schritt unterstützen wir diese Familien finanziell, damit sie ihre Kinder wieder in die Schule schicken können.

Damit es aber dabei bleibt, müssen das Kind und sein Umfeld verstehen, warum es überhaupt in die Schule gehen soll. Es braucht zudem Alternativen, die den Verlust des Kinder-Lohns wettmachen.

Die Kinder und ihre Eltern lernen durch die Schule und Workshops ihre Rechte und Pflichten kennen. Aber das reicht noch nicht. Die Schulen werden kinderfreundlicher gestaltet, bieten Mittagessen an und führen regelmässige Entwurmungskampagnen durch. Das fördert die Gesundheit der Kinder. Den Behörden wird beigebracht, wie sie Schutzgesetze durchsetzen können.

Ganz wichtig ist auch die Einkommensförderung auf Haushaltsebene. Nur wenn die Eltern langfristig genug Geld verdienen können, und nicht mehr auf den Lohn ihrer Kinder angewiesen sind, werden sie diese dauerhaft in die Schule schicken.

Wie unterstützt das Projekt die Kinder und ihre Familien danach?

Erfreulich ist, dass im letzten Jahr schon fast 40 % der begünstigten Familien die Schulbildung ihrer Kinder teilweise oder ganz finanzieren konnten.

Das zeigt, dass unser Ansatz der richtige Weg ist. Natürlich wird es immer Familien geben, die es nicht alleine schaffen. Darum ist es wichtig, das soziale Gefüge so zu stärken, dass die lokale Bevölkerung solche Fälle auffangen kann. Die Gemeinschaft als Versicherung sozusagen. In der nächsten Projektphase wird deshalb das sogenannte Village-Saving-Loans-Konzept – das sind lokale Spar- und Leihgruppen   – eingeführt.

Wie lässt sich messen, ob die Projektarbeit Erfolg hat? Hast Du Zahlen?

Im vergangenen Jahr waren es total 106 Kinder, denen wir die Möglichkeit für eine Ausbildung gaben. 86 von ihnen gehen heute regelmässig zur Schule. Die Kinder selbst berichten, wie sich das Verhalten ihrer Eltern gegenüber ihnen positiv verändert hat.

Während der Begleitung der Kinder konnten wir beobachten, dass auch ihr Selbstbewusstsein gestiegen ist: 60 % der Kinder trauen sich heute, für ihre Rechte einzustehen und melden Fälle von Ausbeutung bei uns im Büro.

Im Bereich Einkommensförderung trägt vor allem das Landwirtschaftsprogramm Früchte. Bis zu 40 % der Eltern können aus dem Verkauf ihres Gartenertrags schon einen Teil oder die ganzen Schulgebühren selbst übernehmen.

Mindestens so wichtig sind Veränderungen, deren Auswirkungen man erst in ein paar Jahren spüren wird. Die Schulen pflanzen ihr eigenes Gemüse an, damit sie die Schüler über Mittag verpflegen können. Die lokalen Behörden verabschieden neue Verordnungen. Alles wichtige Rahmenbedingungen, damit sich das Umfeld der Kinder nachhaltig bessert.

Wie klärt ihr die Kinder über ihre Rechte auf?

Wann und wo immer möglich. In den Schulen ist das Thema Bestandteil des Unterrichts. Die Kirchen nehmen es in der Sonntagsschule auf. Während der Schulferien gibt es «Centre Days», wo sich die Kinder treffen und zusammen spielen können. Die ausgebildeten Betreuer verbringen Zeit mit ihnen und lehren sie spielerisch ihre Rechte.

Nicht nur die Kinder werden aufgeklärt, sondern auch ihre Eltern. Wie funktioniert das? Und hast Du Zahlen oder andere messbare Belege für einen Erfolg?

Die Eltern werden zu Dorftreffen eingeladen. Dort lernen sie alles über die Kinderrechte. Natürlich werden die Eltern, deren Kinder aus den Minen geholt wurden, auch regelmässig von unserem Projektteam besucht. Das ermöglicht persönliche Gespräche und individuelle Lösungsansätze für die Familien.

Ein Beispiel: Viele Kinder werden von den Eltern geschlagen. Aus Unwissenheit oder weil man es einfach immer schon so gemacht hat. Unsere Partner weisen bei ihren Besuchen darauf hin, dass dies nicht richtig ist. Wir haben die Aufzeichnungen der Polizeistationen von 2014 bis 2016 angeschaut und stellen einen signifikanten Rückgang häuslicher Gewalt fest: von 40 Fällen pro Monat auf rund 10 Fälle.

Was ist mit den «Arbeitgebern» der Kinder? Machen die mit?

Das ist natürlich ein schwieriger Aspekt. Immerhin profitieren sie ja von der Arbeit der Kinder. Viel hat mit Aufklärung zu tun. Manchmal reicht es schon, wenn man die Goldminenbesitzer darauf aufmerksam macht, dass sie illegal, also gegen das Gesetz, handeln.

Dank CaRNaC’s Arbeit sind nun auch die Behörden aktiver geworden und achten genauer auf Zuwiderhandlungen. Je besser die Polizei, die Minenbesitzer und die Behörden über das Gesetz und ihre jeweiligen Kompetenzen aufgeklärt sind, desto besser können sie die Kinderrechte umsetzen.

Welche Rolle spielen die lokalen Kirchen in diesem Prozess? Und was hat sich durch die Zusammenarbeit mit ihnen geändert?

In Uganda geniesst die Kirche eine hohe Akzeptanz. Sie ist ein wichtiger Pfeiler der Gesellschaft. Was in der Kirche gelehrt wird, hat Einfluss auf den Alltag der Familien und die langfristige Entwicklung des Landes. Dementsprechend stehen die Kirchen auch in einer grossen Verantwortung. CaRNaC hilft ihnen, diese Verantwortung im Bereich der Kinderrechte wahrzunehmen.

Unser Projekt erreicht heute bereits 26 Kirchen. Dank CaRNaC bieten diese nun am Sonntag kindergerechte Sonntagsschulen an. Die Sonntagsschullehrer werden im Bereich Kinderrechte geschult. Sieben Kirchen haben sich entschieden mindestens 10 % ihres Budgets in die Kinder- und Jugendarbeit zu investieren.

Welche Rolle spielt die Einkommenssicherung für die Rechte der Kinder?

Fehlendes Einkommen ist einer der vielen Gründe, warum Kinder überhaupt arbeiten müssen und nicht zur Schule gehen. Ein gesichertes Einkommen ist deshalb ganz wichtig, um den Kindern ihr Recht auf Bildung zu ermöglichen.

Aber es gibt noch ganz viele andere Gründe, die Eltern davon abhalten, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Deshalb ist der integrierte Ansatz unseres Partners so wertvoll. Damit ein Projekt erfolgreich ist, müssen auch immer die Menschen etwas in ihrem Verhalten verändern. Dabei versuchen wir ihnen zu helfen.

In konkreten Zahlen: Wie viele Kinder profitieren gesamthaft von der Projektarbeit?

Bis jetzt 398 Kinder direkt. Ausserdem 25 Schulen, die jeweils zwischen 300 bis 500 Schüler haben, also rund 10 000 Kinder.

Durch die Schulen, Kirchen, Radioprogramme und die allgemein besser aufgeklärte Gesellschaft, wird sehr wahrscheinlich eine viel grössere Zahl von Kindern erreicht. Die Zahl der dadurch indirekt erreichten Kinder ist aber schwierig abzuschätzen.