
Wegweisender Einsatz
Erlebnisbericht von Manuela Lenzin
Ausgestossene und benachteiligte Mädchen und Frauen finden im Frauenhaus der TearFund-Partnerorganisation „Mahalir Aran Trust“ in Indien einen Zufluchtsort. Die Mädchen – momentan sind es 70 an der Zahl – erhalten eine Schulbildung. Die Mädchen und Frauen werden auch medizinisch versorgt und können eine Ausbildung machen. Die junge Schweizerin Manuela Lenzin verbrachte zwei Monaten im indischen Frauenhaus. Sie erzählt von ihren Beweggründen und Erfahrungen.
„Im Rahmen meiner Ausbildung zur Sozialdiakonin am TDS (Theologisch-Diakonisches Seminar Aarau) musste bzw. durfte ich ein Praktikum machen. Da ich eine andere Kultur kennenlernen und mit Frauen arbeiten wollte, entschied ich mich für das Frauenhaus (MAT) in Indien.
Ich arbeitete hauptsächlich im Nähatelier, wo die Frauen zu jener Zeit Bettüberwürfe für einen Auftraggeber in Kanada herstellten. Ich zeigte den Frauen beispielsweise, wie sie Nähte unsichtbar vernähen können.
Jeden Abend unterrichtete ich zudem sechs Mädchen in Englisch. Wir haben zusammen gelesen, Verständnisübungen gemacht, Redespiele gespielt und gesungen. Zwei Mädchen aus meiner Englischgruppe sind mir besonders ans Herz gewachsen: Lakshmi und Chinnathai.
Lakshmi war etwa fünf Jahre alt, als ihr Vater starb. Einige Monate später verlor sie auch noch ihre Mutter – kurz nach der Geburt der jüngeren Schwester Moniska. Die Grossmutter kümmerte sich von da an um die beiden Mädchen. Im 2003 brachte sie die Kinder dann ins MAT.
Lakshmi hat die obligatorischen Schuljahre erfolgreich hinter sich gebracht und besucht nun das College. Nach dem College möchte sie in Bangalore – der Hauptstadt des indischen Bundesstaates Karnataka – ein Studium beginnen. Möge Gott sie auf diesem Weg führen.
Laskshmi ist eng befreundet mit Chinnathai, einer 18-jährigen jungen Frau.
Chinnathai wurde 2002 von ihren Eltern ins MAT gebracht, zusammen mit ihrer Schwester Senthamari. Die Mutter kommt monatlich zu Besuch, doch Chinnathai versteht sich nicht so gut mit ihr. Sie sagt, die Mutter wolle sie nur verheiraten. Der Vater starb vor zwei Jahren an Asthma. Chinnathai ist sehr traurig über diesen Verlust.
Als ich mich von Chinnathai verabschiedet habe und sehr traurig über den Abschied war, sagte sie zu mir: „Don’t cry, Jesus will help you.“ In diesem Worten klang eine tiefe Gewissheit mit. Chinnathai weiss, dass Jesus ihr in allem hilft, was sie tut. Das hat mich sehr berührt. Ich wünsche mir, dass Chinnathai die Schule erfolgreich beenden kann und später einen guten Mann findet.
Mich hat insgesamt stark beeindruckt, wie die Frauen im MAT aufblühen. Sie strahlen eine erstaunliche Lebensfreude aus – trotz allem, was sie erlebt haben. Fast alle Mädchen und Frauen, die ich kennengelernt habe, sind mit Jesus unterwegs. Jeden Sonntag besuchen sie den Gottesdienst in der eigenen Kappelle. Sie lernen viel über Jesus und singen viele Lieder – das hat mir besonders gefallen.
Ich habe entdeckt, dass man mit sehr wenig Materiellem zufrieden und glücklich sein kann. Es hat mich berührt zu erleben, wie dankbar die Frauen im MAT über die Grundversorgung sind: Eine Schlafmatte, ein Dach über dem Kopf, einen sicheren Ort zum Leben und jeden Tag genug zu essen zu haben, stärkt die Frauen körperlich und seelisch.
Die Herzlichkeit der Menschen in Indien, v.a. der Frauen und Kinder, hat mich sehr bereichert. Ich habe mich richtig daheim gefühlt.
Ich kann einen solchen Einsatz allen wärmstens empfehlen! Durch das Kennenlernen einer anderen Kultur lernt man die eigene Kultur ganz neu und besser kennen. Ich habe z.B. gemerkt, wie sicher das Leben hier in der Schweiz ist. Jeder Bürger in der Schweiz hat beispielsweise das Recht auf Polizeischutz, auch wenn sein Name nicht berühmt oder bekannt ist. Ich realisierte auch, wie wenig selbstverständlich all das Gute ist, das wir hier in der Schweiz haben. Wir sind reich. Wir können uns eine schöne Wohnung, ein gutes Auto leisten und geniessen feines Essen. Nach jeder Mahlzeit ein Kaffee mit Dessert ist etwas Alltägliches. Wasser kommt warm aus dem Wasserhahn und über das Abwasser müssen wir uns keine Gedanken machen. Unsere Existenzbedürfnisse sind gedeckt und wir nehmen das oft als selbstverständlich. Für mich ist es ein Geschenk von Gott, dass ich Schweizerin sein darf. Ich will mir dessen bewusst bleiben und mein möglichstes tun für diejenigen, welche wirklich arm sind.
Durch das Zusammensein mit den Frauen habe ich gemerkt, dass ich in meiner Zukunft als Angestellte in der Landeskirche mit Frauen und Kindern arbeiten möchte. Diese Gruppe ist es, wofür mein Herz schlägt. Ich bin dankbar für diese klare Wegweisung.
Diese zwei Monate in Indien waren für mich sehr bereichernd und ich kann mir vorstellen, in Zukunft wieder einmal nach Indien zu reisen um das Werk zu besuchen.“















